Teil 2: Die Proteste in Belarus gegen Lukaschenko sind berechtigt, aber noch fehlt ihnen eine einigende Vision. Geopolitik spielt – anders als vom Westen suggeriert – für die meisten Demonstranten keine Rolle. Sie verbitten sich Vereinnahmungsversuche von allen Seiten. „Weißt Du, was uns am Allermeisten stört?“, fragte mich vor ein paar Tagen eine Freundin aus Minsk beim Skypegespräch. „Es ist die unerträglich unhöfliche, primitive Art, wie Lukaschenko mit uns umgeht! Er hat keinerlei Respekt, er duzt uns sogar!!“ Genau hier liegt wohl eine der tiefsten Antriebskräfte der Hunderttausenden Weißrussen, die seit Wochen kontinuierlich und friedlich auf die Straße gehen. Sie haben es einfach satt, von ihrem angeblich mit 80 Prozent der Stimmen zum sechsten Mal zum Präsidenten gewählten ‚Landesvater‘ als „Ratten“ bezeichnet – und nicht selten auch so behandelt – zu werden.